Was Schimrod und Wagner nicht bemerkten war folgendes: An der dem Tisch gegenüberliegenden Wand saß eine Schmeißfliege die das Geschehen aufmerksam beobachtete. Auch war die Schmeißfliege keine Schmeißfliege, obwohl sie die Gestalt einer solchen besaß. In Wahrheit war es Shylock der Zschockalt, welcher am Einfachsten als eine Art Mischwesen zwischen Gnom und Insekt vorzustellen war. Shylock gehörte zum Dunstkreis des Allesverschlingers, allerdings besaß er eigene Ambitionen die sich weit über das erstreckten, was der Allesverschlinger seinen Schergen zukommen lassen wollte.
Oh ja, Shylock hielt sich für intelligent und besaß eigene Ziele.
Als Shylock genug gehört hatte, streckte er seine Insektenbeine und flog galant durch die Lüftungsschlitze an der Tür nach draußen. Als er außer Beobachtung war, wechselte er die Gestalt und sah, so man nicht genau hinblickte, annähernd menschlich aus. Die Kopffühler versteckte Shylock geschickt unter einem Hut, der in Uträa zwar passend gewirkt hätte, hier aber ziemlich deplatziert aussah. Es war ein Stoffungetüm in lila und rot mit breit herabhängender Krempe, die vorteilhaft seine Insektenaugen beschattete. Der weite grüne Mantel ließ sein zusätzliches Paar Arme verschwinden. So angezogen ging, es war eher eine Mischung aus Hüpfen und Schlurfen, unser Shylock die Straße entlang. „Ich muss zu Keller, ja, ich muss zu Keller“, murmelte er. „Wir werden sehen, ja, wir werden sehen.“
So kamen die beiden Männer zur Eisdiele, traten ein und suchten sich im fast leeren Lokal einen Tisch aus. Ein kleiner, leicht dicker Mann mit schwarzen Haaren kam an den Tisch gewieselt. „Was wünschen die beiden Herren?“ „Ich nehme 7 Kugeln Pistazieneis und dazu noch eine doppelte Portion Schlagsahne. Und du, Schimrod, was möchtest du?“ „Ich nehme einen doppelten Espresso, ich muss testen, ob ich tatsächlich wach bin.“ „Sehr wohl die Herren.“ Die Bedienung schlurfte zur Theke und begann sich geflissentlich um die Bestellung zu kümmern. „Sag Schimrod, hast du schon etwas über einen Guri Keller gehört?“ „Sicher, wer kennt ihn nicht. Aber was hat es mit ihm auf sich?“ „Ganz einfach, dieser Keller ist der irdische Mittelsmann des Allesverschlingers. Ich denke, bevor wir uns dein Schwert besorgen und in die Karpaten aufmachen, sollten wir Keller ausschalten.“ „Was!? Diese Witzfigur von einem Varieté-Künstler soll eine Gefahr darstellen? Das kann ich nicht glauben!“ „Doch doch“, versicherte Wagner, „du kannst es ruhig glauben. Auch dieser Keller hat schon viele Male gelebt, allerdings kann man nicht verhehlen, dass es sich hier um einen gesellschaftlichen Abstieg handelt.“ „Und wieso ist Keller eine Gefahr?“ „Keller hat auch versucht dich zu finden, jedoch, wir waren schneller. Hätte er dich zuerst gefunden, würdest du nicht mehr leben. Sicher wärest du vor deinem Ableben gefoltert worden, dies ist ein probates Mittel, um die verschütteten Erinnerungen hervorzuholen.“ „Uuh, Wagner, mir läuft es eiskalt den Rücken runter.“ In diesem Moment kam die Bedienung an den Tisch zurückgeschlurft und brachte Schimrods Espresso und das gigantische Pistazieneis für Wagner. „Oho“, rief Wagner, „dieses Eis sieht ganz nach meinem Geschmack aus, ich hoffe, es erfüllt auch die diversen Prüfungen, denen ich es zu unterziehen weiß. Falls aber die Prüfungen zu deinen Ungunsten ausfallen, Eismann, wisse, ich werde meine Vorgesetzten auf dich hetzen, damit sie dich der gerechten Strafe zuführen mögen!“ Die Bedienung erbleichte und fing an, mit der linken Hand hektisch zu zittern. „Sind sie etwa von der Gesundheitsbehörde?“ „Sagt man hier so? Ja, wir sind von eben dieser Genannten hier. Wir sind auf der Durchreise und überprüfen die verschiedenen Tavernen nach ihrer Qualität. Ich hoffe für euch, dass alles zu meiner absoluten Zufriedenheit ausfällt. Sonst sehe ich mich gezwungen, diese Taverne zu schließen und ein paar Greifen vor dem Eingang zu postieren.“ „Aber mein Herr Veterinär,“ stotterte die Bedienung, „ich hoffe, dazu wird es nicht kommen. Unser Eis ist berühmt für seine Qualität. Sie können sich selbstverständlich davon überzeugen. Natürlich sind sie eingeladen, auf Kosten des Hauses!“ Wagner grunzte zufrieden und zwinkerte Schimrod verschwörerisch an. „Seid gewiss Eismann, diese Einladung wird sich positiv auf mein Gesamturteil auswirken, aber nun darf diese königliche Eisspeise nicht mehr warten, ich werde mich nun ihrem Verzehr widmen.“
„Nun Schimrod, dann führe uns doch bitte zum nächsten Eisverkostungs-Haus, damit wir dort etwas schlemmen und unser Wiedersehen feiern können. Auch wenn ich manches Mal etwas herb mit dir umspringe, so ist es doch herzlich gemeint“ „Oh, tausend Dank, Wagner“, höhnte Schimrod. „Dann lass uns die nächste Strasse links einbiegen; dort befindet sich der Eissalon Dolomiti, die haben das beste Eis der Stadt.“ „Das hört sich hervorragend an“ brummte Wagner. So schnell es ging, spazierten die beiden ungleichen Männer gen Eisdiele, jeder in Gedanken versunken.
„Schimrod, heute zeige ich dir die Kunst, umsonst zu speisen, merke sie dir gut.“
„Wagner, was soll das! Haben wir für heute nicht genug Probleme? Liegt Chef nicht verletzt im Keller? Suchen uns nicht irgendwelche Schergen?“
„Schimrod, Schimrod, die Kunst umsonst zu speisen ist ein gar nützlich Ding, man kann sie nicht hoch genug schätzen. Sie ist fast so wertvoll wie die Kunst des Schwertkampfes.“
„Und wie gedenkst du dein Vorhaben umzusetzen? Wir schleichen uns umhüllt von einem Tarnumhang in die Eisdiele und stibitzen uns ein paar Kugeln Eis?“ „Nicht schlecht dein Gedanke, ja, nicht schlecht. Aber nein, wir werden den Besitzer des Eishandwerks dazu bringen, uns freiwillig zu beköstigen, jawohl! Falls aber alles nichts nützt, werfen wir ein paar grüne Drachenkugeln in den Raum, die Schwurbel von grünem Gas entlassen; unter diesem Schutz sollte es ein Leichtes sein, zu entkommen.“
Schimrod alias Matthias und Wagner gingen die Straße entlang. Für Matthias/Schimrod war es sehr außergewöhnlich, vormittags einmal nicht in der Bäckerei zu stehen. Und das Ungewöhnlichste daran war, auf der Flucht zu sein. Wobei, die Schergen des Allesverschlingers, das klang doch zu fantastisch. „Schimrod, wo ist die nächste Eisdiele?“ „Eisdiele?“ echote Matthias/Schimrod ungläubig. „Was sollen wir denn in einer Eisdiele? Sind wir dort etwa in Sicherheit?“ „Nein“, sagte Wagner, „ich wollte ein Eis essen. Seit ich hier bin, denke ich fast ununterbrochen an Pistazieneis, so etwas gibt es in Uträa nicht!“
„Wagner, du bist wirklich verrückt! Erst erzählst du mir etwas über einen Allesverschlinger und seine Schergen und dann gilt dein erster Gedanke einem Pistazieneis! Aber das wirklich Verrückte ist, dass ich jetzt mit dir zusammen auf der Flucht bin!“ „Ah, bäh, das ist, weil wir schon so oft gemeinsam unterwegs waren und du dich langsam wieder daran erinnerst!“
„Und das, Wagner, macht mir wirklich Angst, viel mehr als deine abenteuerliche Geschichte.“