13. Der nächste Morgen
Schimrod erwachte zeitig am Morgen. Campieren unter Brücken war er nicht gewohnt. Er betrachtete eingehend Wagner beim Schlafen. Wagner war wirklich nicht als schön zu bezeichnen, zu markant waren seine Gesichtszüge. Die Nase war scharf geschnitten und stach habichtschnabelartig hervor. Die Augenbrauen waren kräftig und buschig und an den Wangenknochen hätte man sich schneiden können. Trotzdem wirkte Wagner auf eigentümliche Weise einnehmend und sympathisch. Die Betrachtung Wagners brachte eine verborgene Saite in Schimrod zum Schwingen, es war ihm, als hätte er Wagner schon viele Male so angesehen. „Seltsam”, dachte Schimrod, „wie leicht ich meinen neuen Namen schon akzeptiert habe. Wo ist nur der mit sich hadernde Matthias geblieben?”
Wagner grunzte und schnaubte, blies die Backen auf und hustete. „Mjmmhh, chrrrmmh.” „Guten Morgen Wagner.” „Schrmmmjmmh. Ja, ja, guten Morgen.” Wagner setzte sich auf und zog prüfend die Luft ein, dann schaute er sich vorsichtig um. „Was ist los, Wagner? Sind wir hier unsicher?” „Nein, nein, ich glaube nicht. Richtig gut schlafen werde ich erst wieder in Uträa. Und dort auch erst, wenn unsere Aufgabe erfüllt ist.” „Unsere Aufgabe? Ich dachte, ich sollte dem Allesverschlinger den Garaus bereiten.” „Nun ja, in Grunde ist das auch so, aber vorher müssen ein paar winzige Kleinigkeiten erledigt werden. Und dann wirst du zu Zuge kommen, glaube mir. Deinen jugendlichen Überschwang wirst du etwas dämpfen müssen, wir wollen ja nicht unüberlegt handeln.” „Sag mir Eines, Wagner. Warum gerade ich?” „Wie bitte?” „Anders ausgedrückt: Warum fiel ausgerechnet mir die Aufgabe zu, den Allesverschlinger zu vernichten?” „Das, mein Lieber Schimrod, übersteigt meinen Horizont. Ich weis nur, dass Merik vor vielen, vielen Jahren bestimmte Berechnungen unter Berücksichtigung von Bahnen unzähliger Himmelskörper anstellte. Die Ergebnisse der komplexen Berechnungen waren eindeutig. Es konnte nur jemand mit den richtigen Geburtskonstellationen dem Allesverschlinger Paroli bieten, alle anderen mussten scheitern. Dieser jenige warst du. Nach deinem letzten Ableben stellte Merik neue Berechnungen an. Es stellte sich neues heraus. Du bist zwar der Richtige, bestimmte Konstellationen aber blieben unberücksichtigt, es muss noch etwas Neues hinzu. Bevor Merik eine Konklave der Zauberer einberief und alle seine Ergebnisse in ihrer Gänze und Klarheit darstellen konnte, verschwand er. Tot kann er nicht sein, sonst hätten die Zauberer ein Beben verspürt. Unsere erste Aufgabe wird sein, Merik zu finden, damit er uns über die neuen Dinge, die zu berücksichtigen sind, informiert. Dann erst werden wir uns der letzten Aufgabe zuwenden, noch einmal darfst du nicht scheitern.” „Das klingt alles sehr einleuchtend. Gespannt bin ich auf Uträa. Erst wenn ich in deiner Welt bin, werde ich dir vollständig glauben können.” „Schimrod, das ist alles ein Trugschluss, eine falsche Annahme. Uträa ist genauso deine Welt wie die meine. Das wirst du bald genug wissen. Doch nun lass uns geschwind aufbrechen. Zuerst sollten wir uns in der Kunst des Umsonst-Speisens üben, anschließend reisen wir in die Karpaten.”


