14. Cirkwehrum
Shylock erreichte im frühen Morgengrauen das Dörflein Cirkwehrum. Hier hatte sich der große Keller zurückgezogen. Er besaß einen kleinen ehemaligen Bauernhof am Rande des Dorfes, etwas außerhalb zwischen Feldern und Wiesen gelegen. Der Himmel schimmerte grau und puderrosa, durchzogen mit hellblauen Himmelsstreifen.
Shylock humpelte missmutig zu dem kellerschen Resthof, er besaß keinen Blick für die Schönheit des Morgens. Die Beschwernisse der Reise belasteten seine Launen, er hatte Hunger und Durst, er war ärgerlich, weil er nicht fliegen konnte oder durfte. Die Gefahr, von einem hungrigen Vogel aus der Luft gepflückt zu werden, war zu groß.
Schon von weitem bemerkte Shylock das Hauswacht-Auge. Es war zur Tarnung in einem Wetterhahn versteckt, entging seinen scharfen Insektenaugen jedoch nicht.
„Soso Keller, du bist also nicht zuhause. Nun gut, dann werden wir unsere Pläne neu strukturieren. Das hat auch gewisse Vorteile.” Murmelte Shylock. Da er vom Hauswacht-Auge nicht gesehen werden wollte, nahm Shylock wieder Fliegengestalt an und flog so unbemerkt auf das Haus zu. Für diese kleine Flugstrecke nahm er die Gefahr des Gefressen-Werdens auf sich, wollte er doch unbemerkt zu dem kellerschen Wohnhaus gelangen und möglicherweise sogar Einlass finden. Seine Hoffnungen wurden auf wunderbare Weise erfüllt, ein Fenster war leicht geöffnet. Die Zugehfrau, die sich in Kellers Abwesenheit um das Anwesen kümmerte, war der Meinung, das Haus würde Frischluft vertragen können und ließ so ein Fenster offen stehen, damit die gute ionengesättigte, würzige Luft in das Haus strömen konnte. Shylock nahm den Weg der Frischluft und befand sich flugs in einem Zimmer, das man als Wohnzimmer bezeichnen konnte. Hier wechselte er wieder seine Gestalt.
Dieses Wohnzimmer spiegelte aufs Genaueste Kellers Wesen wider, doch diese Feinheit entging dem insektenartigen Shylock. Sein Fokus lag auf anderen Dingen. Die Möbel waren ausnahmslos aus dunklem, schwerem Holz gefertigt, welches mit Schnitzereien und Zierrat übersäht war. Sie waren groß und schwer, mit einem Wort, sie waren protzig. Der wuchtige Schreibtisch stand mitten im Raum, die Platte unter der sich eine hohe beschnitzte Zarge anschloss, wurde getragen von zwei massiven Wangen , die mit geschnitzten Löwen und Wappen verziert waren. Der Schreibtischstuhl war kein Stuhl mehr, es war mehr ein Sessel oder sogar ein Thron. Die Armlehnen endeten in geschnitzten Löwenköpfen, in die Rückenlehne war ein imposantes Wappen geschnitzt. Diese endete nach oben hin in eine stilisierte Krone.
An der des Schreibtisches gegenüberliegenden Wand hing ein übermannshoher Salonspiegel mit goldenem, geschnitzten Rahmen. Saß man an dem beeindruckenden Schreibtisch, konnte man sich im Spiegel bewundern. Üblicherweise bekam man dabei ein beklemmendes Gefühl, sich sitzend an dem überwältigenden und großen Möbel zu sehen, nicht jedoch Keller. Er war anders, er fühlte sich von Macht durchströmt, die er nicht hatte, jedoch zu kommen nahen glaubte.
In dem Schreibtisch in der Zarge befand sich eine Geheimschublade. Shylocks kundige Augen fanden sie fast sofort. Sie war abgeschlossen, jedoch war das kein Hindernis. Des Insekten-Gnoms Finger schlüpften in kleinste Zwischenräume und lösten so den geheimen Mechanismus, der die Schublade blockierte. Dergestalt ließ sie sich leicht öffnen und Shylock holte ein Bündel Notizen heraus. „Interessant, interessant, dies hier werde ich an mich nehmen.” Mit diesen Worten schob er das Bündel in seinen weiten grünen Mantel, der in seinem Innenbereich eine Vielzahl von Taschen aufzuweisen hatte

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Trackback von Webmaster — 11. Juni 2010 @ 08:19