15. Das Keller’sche Schlafgemach
Nun widmete Shylock seine Aufmerksamkeit dem wuchtigen Bücherregal hinter dem Schreibtisch. Er studierte aufmerksam die Titel der Bücher, konnte aber nichts Außergewöhnliches entdecken. Auch die braune Leder-Chaiselongue bot keinerlei Auffälligkeiten. Shylock verlor nun das Interesse an diesem Raum und verließ ihn. Im angrenzenden Flur führte eine Treppe nach oben. Die Tür, die Shylock wählte, war verschlossen. Wieder kamen seine Insekten-Finger zum Einsatz; innerhalb kürzester Zeit war die Tür offen. Er trat ein und befand sich im Keller’schen Schlafgemach. Shylock zeigte selten Gefühlsregungen, zu kalt war sein Blut. Aber hier war er fassungslos. Neben dem wuchtigen, antiken Holzbett befand sich eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Foltergeräten. Ein großer Eisenkäfig zur Aufbewahrung von Gefangenen stand unmittelbar neben dem Kopfende des Bettes. Auf einer Bank daneben lagen verschiedene Daumen- und Knieschrauben und eiserne Mundsperren. In einer Ecke des Raumes stand eine geöffnete eiserne Jungfrau.
Zum ersten Mal begann Shylock an Kellers Geisteszustand zu zweifeln. Er konnte nicht begreifen, wie man in seinem Schlafgemach eine Folterkammer einzurichten vermochte. Diese Bewandtnis lag außerhalb seiner Geisteshaltung, er hatte hierfür keinerlei Verständnis. Voller Abscheu machte er sich an die Durchsuchung des Raumes. Leider brachte diese keine neuen Erkenntnisse. Mit einem letzten Schaudern wandte er sich ab und verließ diese widerwärtige Kammer, stieg die Treppe herunter und befand sich flugs wieder im Wohnzimmer. Dabei vergaß er, die Schlafzimmertür wieder zu verschließen, dies sollte zu einem späteren Zeitpunkt zu einem spektakulären Erschrecken der Zugehfrau führen.
„Oh, Keller, dein Charakter ist widernatürlicher, als ich vermutete. Wie konnte ich nur glauben, dir zeitweise vertrauen zu können. Ich war ein Narr. Nun werde ich mich zuerst mit König Purizante besprechen, er wird mir gewisslich helfen.” So sprach Shylock, verwandelte sich wieder in eine Fliege und flog aus dem Haus.
Schimrod und Wagner befanden sich unterdessen in angeregter Diskussion. Sie planten die Reiseroute in die Karpaten.
„Wir sollten mit den eisernen Zügen fahren, meiner Meinung nach ist es schnell und sicher, zudem fallen wir in der Masse der Reisenden weniger auf.” „Sicher, Wagner, allerdings werden wir die Zugfahrt bezahlen müssen und Geld abheben, nachdem ich so aus der Bäckerei geflohen bin, ist wohl nicht mehr möglich. Womit also, frage ich dich, bezahlen wir?” „Aber Schimrod, nichts ist einfacher als das. Wir nehmen einfach etwas von dem Geld aus meiner Börse. Ich habe genug dabei. Ich kam doch nicht unvorbereitet zu dir! Wesnogir stattete mich mit allem Nötigen aus. Dazu gehörte auch eine nicht unbeträchtliche Menge eures Geldes. Für einen Magier ist so etwas eine Kleinigkeit.” „Wagner, du Halunke! Warum erzählst du mir erst jetzt davon? Wir hätten alles bezahlen können! Stattdessen schmarotzten wir uns durch diverse Lokale und nächtigten sogar unter einer Brücke!” „Aber, aber. Das diente doch nur der Vorbereitung auf Uträa. Dort wird es nicht so leicht sein wie hier. Und dass wir unter einer Brücke schliefen half nur der Verwischung unserer Spuren.” „Pah, alles faule Ausreden!” „Egal, wir sollten uns lieber dem Zukünftigen widmen. Wir müssen zur Hub-Plattform und vorher Sokimakai treffen. Unbewaffnet dürfen wir auf keinen Fall nach Uträa. Außerdem hat Sokimakai eine Überraschung für dich, ich überreichte ihm einen Metallsplitter aus Fasnogir, bevor ich mich auf die Suche nach dir machte.” „Ach, und so etwas soll nun mein Herz erfreuen?” fragte Schimrod beißend. „Ja, höhne du nur. Sokimakai ist ein echter Künstler, er weiß genau, was er tut. Er verspricht sich viel davon und ich mir inzwischen auch.” erwiderte Wagner. „Dein neues Schwert wird einen Namen erhalten müssen, du solltest die Zeit nutzen, darüber nachzusinnen. Dies wird dich beschäftigt halten, dann musst du nicht mehr Streitgespräche mit mir führen. Wenn deine Erinnerung wieder vollständig hergestellt ist und du somit wieder bei Besinnung bist, werde ich dich ernst nehmen. Bis dahin sehe ich dich als einen noch nicht vollständig Erwachten an. Nun kannst du garstig auf mich sein oder streitsüchtig werden, aber wenn dich erst die Mneme durchströmt, wirst du mich verstehen.” Darauf wusste Schimrod nichts zu erwidern. „Komm, Schimrod, lass uns aufbrechen zum Bahnhof, auf dass wir bald die Karpaten erreichen.”
